Erde, Mond und Sonne · Lektion 2
Du stehst auf einem Karussell
Zwei Dinge blieben in Lektion 1 offen: Was hat die Uhrzeit mit dem Mond zu tun? Und warum verdunkelt der Erdschatten nicht jeden Vollmond? Hier kommen beide Antworten.
Zwei Bewegungen, zwei Geschwindigkeiten
In Lektion 1 hast du den Mond um die Erde gezogen. Das ist die langsame Bewegung: eine Runde in rund einem Monat.1 An einem einzelnen Tag rückt der Mond dabei kaum vom Fleck.
Was gefehlt hat, ist die schnelle Bewegung: Die Erde dreht sich einmal am Tag um sich selbst – und du stehst drauf.
Für einen Tag kannst du dir Sonne und Mond als festgenagelt vorstellen. Das Einzige, was sich dreht, bist du.
Stell dir ein Karussell vor. Draußen stehen zwei Laternen: eine sehr helle (die Sonne) und eine schwächere (der Mond). Während du dich drehst, wandern beide scheinbar an dir vorbei – tauchen auf einer Seite auf, ziehen vorüber, verschwinden auf der anderen. Die Laternen bewegen sich nicht. Du drehst dich.
Was „Uhrzeit“ eigentlich heißt
Die Uhrzeit ist nichts anderes als die Angabe, wohin du auf dem Karussell gerade schaust:
| Uhrzeit | Wo du auf der Erde stehst |
|---|---|
| Mittag | auf der Seite, die genau zur Sonne zeigt |
| Sonnenuntergang | am Rand: du drehst dich gerade von der Sonne weg |
| Mitternacht | auf der Seite, die genau von der Sonne wegzeigt |
| Sonnenaufgang | am anderen Rand: du drehst dich zur Sonne hin |
Die vier Wörter rund um die Erde in der Grafik von Lektion 1 waren genau diese vier Stehplätze. Das hätte dort stehen müssen.
Dein Horizont
Du siehst immer nur die Hälfte des Weltalls – die Hälfte über deinem Kopf. Die andere Hälfte verdeckt die Erdkugel unter deinen Füßen. Die Grenze dazwischen ist dein Horizont.
Im Bild unten stehst du als kleines Männchen auf der Erde. Die helle Linie ist dein Horizont, alles Abgedunkelte ist für dich unsichtbar. Rechts siehst du denselben Moment so, wie er für dich am Himmel aussieht.
Nicht maßstäblich. Uhrzeit als Sonnenzeit (12 Uhr = Sonne im Süden). Der Mond steht hier einen Tag lang still – in Wirklichkeit rückt er pro Tag ein kleines Stück weiter, daher die rund 50 Minuten Verspätung aus Lektion 1.
Vier Experimente am Simulator – der Reihe nach
Experiment 1. Wähle Vollmond und stell die Uhr auf 12. Das Männchen steht auf der Sonnenseite, der Mond ist genau hinter der Erde – abgedunkelt. Darum sieht man den Vollmond mittags nie.
Experiment 2. Lass „Vollmond“ eingestellt und dreh die Uhrzeit langsam weiter bis 18 Uhr. Die Sonne rutscht links (im Westen) unter den Horizont, im selben Moment taucht der Vollmond rechts (im Osten) auf.
Experiment 3. Weiter bis 0 Uhr: Du stehst jetzt genau unter dem Vollmond. Er steht am höchsten.
Experiment 4. Wähle Erstes Viertel und drück „Erde drehen“. Der Mond erscheint mittags, steht abends am höchsten und geht um Mitternacht unter. Dieselbe Erddrehung, nur eine andere Laterne.
Die Phase sagt dir, wo die Laterne Mond steht. Die Uhrzeit sagt dir, wohin du gerade schaust. Zusammen ergibt das: Zu jeder Phase gehören feste Uhrzeiten für Aufgang und Untergang.2
Und der Erdschatten bei Vollmond?
Deine Beobachtung war richtig: In der Draufsicht steht die Erde bei Vollmond genau zwischen Sonne und Mond. Auf einem flachen Blatt Papier müsste der Schatten den Mond jedes Mal treffen. Die Zeichnung verschweigt zwei Dinge.
Erstens die Größenverhältnisse. Der Mond ist im Mittel 384 399 km entfernt2 – das sind rund 30 Erdkugeln nebeneinander. Der Erdschatten ist dort draußen ein schmaler Streifen, schmaler als die Erde selbst.
Zweitens die Neigung. Die Mondbahn liegt nicht in derselben Ebene wie die Bahn der Erde um die Sonne, sondern ist um gut 5° gekippt.1 Das klingt nach wenig. Auf die große Entfernung gerechnet sind es aber bis zu etwa 34 500 km – fast drei Erddurchmesser –, die der Vollmond über oder unter dem Schatten vorbeizieht.
Diese Seitenansicht ist maßstäblich: Erde, Mond, Abstand und Neigung stimmen im Verhältnis. So klein ist der Mond, so weit ist er weg – und so leicht verfehlt er den Schatten.
Nur wenn ein Vollmond genau dann stattfindet, wenn der Mond gerade die Ebene der Erdbahn kreuzt, läuft er durch den Schatten. Das ist eine Mondfinsternis. In Berlin gab es zuletzt eine partielle am 28. August 20263 – der Vollmond am 26. Oktober zieht dagegen wieder am Schatten vorbei.
Dasselbe gilt umgekehrt für den Neumond: Er steht meist ein Stück über oder unter der Sonne, statt sie zu verdecken. Deshalb gibt es auch nicht jeden Monat eine Sonnenfinsternis. Den Finsternissen widmen wir später eine eigene Lektion.
Phasen sind Blickwinkel, Finsternisse sind Schatten. Die Draufsicht zeigt die Phasen richtig – aber sie drückt eine gekippte Bahn platt.
Jetzt du
Stell dir das Männchen vor, bevor du klickst. Der Simulator oben ist erst zum Nachprüfen da.
Was lässt den Mond in einer Nacht von Osten nach Westen über den Himmel ziehen?
Das Karussell. Der Umlauf des Mondes ist viel langsamer und geht sogar in die Gegenrichtung – er sorgt nur dafür, dass der Mond jeden Tag etwas später dran ist.
Vollmond, zwölf Uhr mittags. Wo ist der Mond?
Mittags stehst du auf der Sonnenseite der Erde. Der Vollmond steht auf der gegenüberliegenden Seite – die Erdkugel ist im Weg.
Letztes Viertel, sechs Uhr morgens bei Sonnenaufgang. Wo ist der Mond?
Bei Sonnenaufgang stehst du am „oberen Rand“ der Erde in der Draufsicht – genau dort, wo beim letzten Viertel der Mond steht. Du bist direkt unter ihm.
Erstes Viertel, sechs Uhr morgens. Wo ist der Mond?
Der Mond des ersten Viertels steht in der Draufsicht unten, du stehst morgens oben – die ganze Erde liegt dazwischen. Er geht erst gegen Mittag auf.
Warum gibt es nicht bei jedem Vollmond eine Mondfinsternis?
Der Schatten reicht weit über den Mond hinaus – aber er ist schmal, und der Mond zieht wegen der 5° Neigung meist darüber oder darunter vorbei.
Mit den eigenen Händen
Das wirksamste Experiment zu dieser Lektion kostet nichts: Dunkler Raum, eine Lampe ohne Schirm auf einem Tisch (die Sonne), ein Ball oder eine Orange am ausgestreckten Arm (der Mond). Dein Kopf ist die Erde.
Halte den Ball leicht über Kopfhöhe und dreh dich mit ihm einmal im Kreis: Du siehst alle Phasen. Dann halte den Arm still und dreh nur deinen Kopf: Das ist ein Tag. Und halte den Ball zum Schluss genau auf Augenhöhe gegenüber der Lampe – dein Kopfschatten fällt drauf. Das ist die Mondfinsternis, und du merkst, wie genau man dafür zielen muss.
Zum Weiterlesen
Die Zahlen zur Mondbahn und zur Neigung stammen von Fred Espenaks Seite „Eclipses and the Moon's Orbit“ auf der NASA Eclipse Web Site (englisch) – die maßgebliche Quelle dafür, warum Finsternisse selten sind.
Zum Nachschlagen: Spickzettel Mondphasen · Glossar
Immer noch etwas unklar? Sag es mir im Terminal, so wie beim letzten Mal – genau solche Rückmeldungen machen den Kurs besser. Am hilfreichsten: Beschreib mir in deinen eigenen Worten, was du in Experiment 2 (Vollmond, von 12 auf 18 Uhr drehen) gesehen hast.
Quellen
- NASA Eclipse Web Site (F. Espenak): Eclipses and the Moon's Orbit – Umlaufzeit, Bahnneigung im Mittel 5,145°.
- NASA Science: Moon Phases – mittlere Entfernung 384 399 km, Auf- und Untergang je Phase.
- timeanddate.de: Mondkalender 2026 – partielle Mondfinsternis am 28. August 2026 in Berlin, Vollmond am 26. Oktober.
Eigene Rechnung aus diesen Werten: 384 399 km ÷ 12 742 km Erddurchmesser ≈ 30; 384 399 km × sin 5,145° ≈ 34 500 km.